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Fine Arts / New Media | by Antje Mayer

Dogmen verdoppeln
Artwork: Luchezar Boyadjiev

Der bulgarische Künstler Luchezar Boyadjiev, geboren 1957 in Sofia, ist ein visueller Analyst gesellschaftlicher Veränderung, ein Aufdecker sozialer und kultureller Prozesse. Doktrinen werden bei ihm aus Prinzip in Frage gestellt, die Wertlosigkeit von Werten hinterfragt. Boyadjiev beobachtet genau, filtert, kombiniert, überzeichnet, eliminiert, amputiert und fügt hinzu, zuweilen respektlos, spielerisch. Er verwirrt Begriffe, um Kontexte deutlich zu machen, die den Betrachter überraschen, verstören, zum Nachdenken und zum Lachen animieren. Die formalen Mittel, derer sich der Künstler bedient, sind die Montage, Demontage oder Collage, auch die Installation und der performative Vortrag, wobei er „keinem künstlerischen Medium den Vorzug gibt“. Oft drückt Boyadjiev aber auch nur im richtigen Augenblick auf den Auslöser seiner Digitalkamera. Wichtig ist dem theoretischen Künstler oder künstlerischen Theoretiker lediglich, „seiner Sicht der Dinge eine möglichst effektive materielle Form zu verleihen, die sich oft ästhetisch daran anlehnt, was ich analysiere“.
Ein Langzeitprojekt, das Boyadjiev seit knapp 20 Jahren begleitet, ist die Untersuchung der Globalisierung nicht nur physiologischer, sondern auch psychologischer Lebensräume, die der Künstler mit Vorliebe an urbanen Orten ehemaliger sozialistischer Städte enttarnt. Das tut er auch bei der vorliegenden, eigens für „Report“ zusammengestellten Bildserie „Visually Speaking_001“ (2005/2008). Die Arbeit zeigt unmanipulierte Fotografien verschiedenster religiöser Bauten in östlichen Transformationsstädten wie Moskau, Novi Sad, Sofia oder Istanbul. „In neokapitalistischen Städten gewinnen die ökonomischen Aspekte des Lebens Oberhand über die politischen; die Visualität der Unternehmen und des Konsums schluckt diejenige der Reflexion, der Kontemplation und der Repräsentation“, konstatiert Boyadjiev.
Religion, Kirche oder Glauben sind Themen, die die Arbeit des bulgarischen Künstlers immer wieder berühren. Dabei spielen persönliche Erfahrungen eine Rolle, vor allem jene der Wende 1989 in Bulgarien: „Die Ereignisse damals in Osteuropa könnte man als den ersten natürlichen Tod einer realen Utopie bezeichnen“, erklärt Boyadjiev. „Vor 1989 hatte Religion in Bulgarien wenig mit Religiosität zu tun, sondern war mehr nationale Folklore. Nach 1989 füllte man dann auf einmal das posttotalitäre Vakuum mit allen möglichen politischen, wirtschaftlichen, künstlerischen und vor allem moralischen und religiösen Wertesystemen“, erinnert sich der Künstler. „Alte Dogmen wurden nur durch neue ersetzt. Die Ikonografie des Glaubens, ihre Symbole, waren und sind für mich ein idealer Gegenstand, diesen meiner Meinung nach gefährlichen Prozess zu visualisieren.“
Formal schließt die Serie an die Arbeit „Billboard Heaven“ (2005) an, für die der Künstler Fotos von Plakatwänden in Sofia collagierte und damit eine Vision einer möglichen zukünftigen Entwicklung der bulgarischen Hauptstadt vermittelte. „Die Entwicklung der Städte des Neokapitalismus ist durch die stürmische Aneignung des öffentlichen Raums durch private Interessen gekennzeichnet“, stellt der Künstler fest. „All diese Merkmale werden am Interface von Sofia ersichtlich, einer Stadt, in der man alles aufstellen kann, zu jeder Zeit, wo immer man will, solange man es bezahlen kann.“
Inhaltlich ist „Visually Speaking_001“ aber auch eine Weiterführung einer früheren Arbeit: „Festigung des Glaubens“ aus den Jahren 1989–1991. Im Zuge dieser Arbeit hatte Boyadjiev bekannte Szenen der Bibel verändert, indem er die Christusfigur verdoppelte und vervielfachte. Er spielte auf diese Weise künstlerisch die Idee durch, dass Jesus nicht das einzige Kind Gottes gewesen sein kann, sondern einen Zwillingsbruder hatte, was die mystischen Umstände und Wunder akzeptabler erscheinen lässt. Eine Ebene der Arbeit ist das Prinzip des Verdoppelns und des Reproduzierens einer eigentlich einzigartig gedachten heiligen Figur (innerhalb eines monotheistischen Glaubens). Durch die Wiederholung wird sie entthront, entmystifiziert und zu einem beliebig reproduzierbaren Produkt. Eine Persiflage auf die Idee mancher Wissenschaftler, Gott rationalistisch und positivistisch beweisen zu wollen, und nicht zuletzt eine Kritik an der banalen Vermarktung religiösen Glaubens.

Luchezar Boyadjiev, Jahrgang 1957, lebt und arbeitet in Sofia. Er schloss sein Studium 1980 am Institut für Kunstgeschichte an der Nationalen Kunstakademie von Sofia ab. Von 1980 bis 1986 vertiefte er seine künstlerische Tätigkeit im Rahmen eines Selbststudiums. Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt er an den wichtigsten Biennalen der Welt teil. 2007 war er Artist-in-Residence in Schardscha (Vereinigte Arabische Emirate) und Dubai als Gast der „8th Sharjah Biennial“ und 2006 im Museumsquartier in Wien auf Einladung des Magazins „Springerin“  in -Zusammenarbeit mit quartier 21. Sein Interesse gilt der Fotografie, Videokunst, Zeichnungen, Installationen, Konzeptkunst und der Mischung verschiedener Medien.

Auswahl von Ausstellungen seit 2003:

2008
·
Lucky Number Seven, 7th SITE Biennial,
Santa Fé, New Mexico, USA (in Vorbereitung)
·
Eurasia, MART, Rovereto (Trento), IT (in Vorbereitung)
·
The Jerusalem Show, Al-Ma’mal Foundation,
Old City, Jerusalem, IL (in Vorbereitung)
· Wonder, 2nd Biennial, Singapur, SG (in Vorbereitung)
·
Schöne neue Welt, IFA Galerie, Berlin/Stuttgart, DE

2007
·
5 Views to Mecca (and other scapes),
Feinkost Galerie Berlin, DE (solo)
·
Attitude 2007, Contemporary Art Museum, Kumamoto, JP
·
Plus ZWEI, Museum Küppersmühle
für Moderne Kunst, Duisburg, DE
·
Prag Biennale 3. Glocal and Outsiders,
Karlin Hall, Prag, CZ
·
Footnotes. On Geopolitics, Markets and
Amnesia, 2nd Biennial, Moskau, RU

2006
·
Crawling Carpets, Experimental Art Foundation, Adelaide, AU (solo)
·
Neither a White Cube nor a Black Box, Sofia City Gallery, Sofia, BG
· Belief, 1st Biennale, Singapur, SG
·
Important Announcement, Sofia City Gallery, Sofia, BG
·
Check In – Europe, Europäisches Patentamt, München, DE
· Periferic 7. Focusing Iasi, Iasi, RO
· Wildes Kapital, Kunsthaus Dresden, Dresden, DE
· Urban Legends, Sofia City Gallery, Sofia, BG

2005
· Play Sofia, Kunsthalle Wien, Wien, A
·
Urbane Realitäten: Fokus Istanbul, Martin-Gropius-Bau, Berlin, DE
·
Sous les ponts, le long de la rivière..., Casino -Luxembourg, Luxemburg, LU
·
Trans:it. Moving Culture through Europe,
Palais de Tokyo, Paris, FR Witte de With Foundation, -Rotterdam, NL; Kunst-Werke, Berlin, DE; 51st
La -Biennale di Venezia (collateral event), Venedig, IT
· Belonging, 7th Biennial, Schardscha, AE

2004
·
Roma in Sofia, in The Balkans – a Crossroad
to the Future, Arte Fiera, Bologna, IT (solo)
·
Cosmopolis, National Museum of Contemporary Art, -Thessaloniki, GR
·
Love it or leave it, 5th Biennial, Cetinje, -ME
·
Privatisierungen – Zeitgenössische Kunst aus
Osteuropa, -Kunstwerke, Berlin, DE

2003
· Hot City Visual, ICA at ATA Center, Sofia, BG (solo)
·
In den Schluchten des Balkan, Kunsthalle -Fridericianum, Kassel, DE
·
Blut und Honig / Zukunft ist am Balkan,
Sammlung Essl, Klosterneuburg, A


BIBLIOGRAFIE (Auswahl)

Vitamin Ph. Phaidon Press, London 2006

FRESH CREAM. Phaidon Press, London 2000

Installation Art in the New Millennium. Ed. Nicolas de Oliveira, Nicola Oxley, and Michael Petry. Thames & Hudson, London 2003

Fuchs, Rainer. Luchezar Boyadjiev. In: CATALOGUE. Footnotes. On Geopolitics, Markets and Amnesia. 2nd Moscow Biennial, Moscow 2007

Boubnova, Iara. Luchezar Boyadjiev. In: Short Guide. Belief, 1st Biennale, Singapore 2006

Eurozine. The City as a Stage. Luchezar Boyadjiev. Cycles on Moscow, Sofia, etc.
www.eurozine.com/articles/2007-05-25-boyadjiev-en.html

 

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