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Stein gewordene Psychogramme
Jeder, der den Balkan je bereist hat, Albanien insbesondere, kennt diesen die Landschaft prägenden Anblick: unfertige Rohbauten und fensterlose Gehäuse auf freiem Feld, wie vom Himmel gefallen, ohne jedweden topografischen Bezug. Anonyme Architekturen, die wie zum Trotz einen Neuanfang nach dem Ende der kommunistischen Diktatur im Land ankündigen wollten.
Architektonische Landschaften, die kahl geschlagenen Waldgrundstücken ähnlich und künstlich aufgeforstet zu sein scheinen, ohne Identität und ohne Wurzeln. Unproportionaler physikalischer Raum im globalen „Copy and Paste“-Stil, der auf irgendeine Fantasietradition Bezug nimmt, vielleicht eine, die die Medien generierten. „Medienarchitektur“, wie der Künstler Edi Hila sie nennt, und Architektur, die als Abbild eines gesellschaftlichen Zustandes Albaniens taugt, so wie die Physiognomie eines Menschen dessen innere Befindlichkeit verrät.
Mit seiner Serie „Porträts von Häusern“ (2000–2005), die wir in der vorliegenden Ausgabe von „Report“ vorstellen, wollte der Künstler Edi Hila (geboren 1944 in Shkodër, Albanien) die gesellschaftliche Transformation des postdiktatorischen Albaniens dokumentieren: „In diesen Häusern sehe ich die Kultur, die Politik, die Befindlichkeit meines Heimatlandes in einem historischen Moment eingefroren“, erklärt Hila. „Wenn man über das albanische Land fährt, entdeckt man diese allein stehenden Rohbauten, Skelette und verlassenen Häuser, oft sind sie bereits mit Gras überwuchert.“ Die meist postmodernen Entwürfe im baugeschichtlichen Stilmix, die, wie in den ärmeren Städten in den USA in den achtziger Jahren, aus dem Wunsch nach der bislang fehlenden Urbanität und Bauhistorie entstanden, „bekamen durch den ungelenken Gestaltungswillen der neureichen Bauherren ganz seltsam unverortete Silhouetten“, meint Hila. „Nun stehen diese Häuser ihres ursprünglichen Zwecks enthoben wie Objekte in der Gegend, abstrakt und absurd.“ Es fehlen die Menschen in ihnen und dennoch sind deren Sehnsüchte und Wünsche immer noch in der Form der Architektur zugegen. Diese Häuser sind für Hila Porträts, zu Stein gewordene Psychogramme ihrer Bauherren, deswegen lautet auch der Titel der Serie „Porträts von Häusern“.
Nicht auf dem direkten Wege mit dem Fotoapparat porträtiert Hila sie, sondern mittelbarer, durch die Malerei. Er trägt in für seinen Stil des „poetischen Realismus“ typischer Weise die Acrylfarbe wie bei einem Aquarell lasierend auf die Leinwand auf, stellt das Haus wie bei einem klassischen Porträt zentral in den Raum, blendet die Umgebung aus und transformiert es zu einem wesenhaften Objekt mit der ihm ureigenen Ausstrahlung und Metaphysik. Es scheint in einem seltsam zeitlichen Vakuum konserviert, bizarr still, geisterhaft durchsichtig.
Der Maler Edi Hila studierte in den sechziger Jahren an der Kunstakademie in Tirana, an der er heute als Professor lehrt. Für die junge albanische Künstlergeneration, die international reüssiert, zum Beispiel Adrian Paci oder Anri Sala, ist er einer der einflussreichsten Impulsgeber und Botschafter. Sein Malstil ist stets figurativ und wird dem „poetischen Realismus“ zugeordnet. Typisch für Hila sind Motive aus dem gegenwärtigen Alltag, etwa TV-Bilder, die er auf der Leinwand auf eine metaphysische Ebene hebt. Auch wenn der albanische Künstler bereits im In- und Ausland einige wenige Einzelausstellungen, zuletzt in der Villa Romana in Florenz, zeigen konnte, so hat sein Werk bisher nicht internationale Resonanz erfahren. In den frühen siebziger Jahren wurde er vom albanischen Hoxha-Regime wegen eines Missfallen auslösenden Auftragswerks zu unbefristetem Aufenthalt in einem Arbeitslager verurteilt und später mit Ausstellungsverbot belegt, das bis zum Ende des Regimes aufrechterhalten wurde. „Die kommunistische Tragödie hat versucht, jegliche Werte auszulöschen und Identitäten zu zerstören“, sagt Hila. „Ich war mit meiner Kunst über 20 Jahre isoliert, aber ich habe mich nicht beirren lassen und weitergemalt.“
Edi Hila, geboren 1944 in Shkodër (Albanien), lebt und arbeitet in Tirana. Er studierte an der Staatlichen Kunstakademie Tirana (AFA) und erhielt 1967 sein Diplom. Seit 1993 ist er dort Dekan in der Fakultät für Visuelle Kunst, seit 1996 Professor an der Fakultät für Visuelle Kunst.
Einzelausstellungen (Auswahl)
2008 „Senza angeli“, Villa Romana, Florenz, IT
2007
„Unrevealed Graphics 1970–1989“,
Zeta Gallery, Tirana, AL
2006
„Suburban“, Badischer Kunstverein, Karlsruhe, DE
2004
Kosovo Kunstgalerie, Pri‰tina/Prishtinë, Kosovo
2001 Galerie Skendi, Tirana, AL
1998 „Comfort“, Nationalgalerie, Tirana, AL
1996 Galerie Des Vergers, Sion, CH
1994 Ikast-Herning, DK
1993 Galerie ACUD, Berlin, DE
1992 Galerie COBRA, Brüssel, BE
1991 Nationalgalerie, Tirana, AL
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2006
•
„Art, Life & Confusion“,
Oktober-Salon, Belgrad, RS
•
„Adrian Paci presents:
Edi Hila e Giovanni de Lazzari“,
Galleria Francesca Kaufmann, Mailand, IT
•
„Interrupted Histories“, Museum für zeitgenössische Kunst, Ljubljana, SI
2005
• „Sweet Taboos“, Biennale 3, Tirana, AL
2004
•„Love it or leave it“, Biennale V, Cetinje, ME
•
„Reappearance“, Kosovo Museum, Pri‰tina/Prishtinë, Kosovo
2003
•
„In den Schluchten des Balkan“, Kunsthalle Fridericianum, Kassel, DE
•
„Blood & Honey/Future’s in the Balkans“, Sammlung Essl, Wien, A
2002
•„Small Brother“, internationaler Wettbewerb •„Onufri 2002“, 2. Preis,
Nationalgalerie, Tirana, AL
2001
•„Beautiful Strangers“, IFA Galerie, Berlin, DE
•„Silhouettes“, Biennale e pare, Tirana, AL
•„The Art of Balkan Countries“, Thessaloniki, GR
2000
•Galerie Chantal Crousel, Paris, FR
•Galerie Zoumboulakis, Athen, GR
•„After the Wall“, Ludwig Museum, Budapest, HU
•„After the Wall“, Hamburger Bahnhof, Berlin, DE
•„In and Out“, Nationalgalerie, Tirana, AL
„Ich versuche, die ‚-schlechte‘ Architektur, die ‚zufällige‘ Architektur, die ‚gewaltige‘ Architektur und alle Arten von Architektur, denen ich begegne, wie ein menschliches Malermodell zu analy-sieren, um ihre Eigenheit, die Art des Denkens dahinter, das Paradoxe daran, -vielleicht auch die gewaltigen Kräfte des Kapitals und der Medien zu verstehen, die sie manipulieren.“
Edi Hila
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