Wer etwas vom Fieber des Zehn-Millionen-Molochs Moskau abbekommen, wer etwas über die gelebte Trash-Kultur, die Mode der Sowjetunion und des heutigen Russlands erfahren möchte, muss beim Fashion-Anarcho Petljura in seinem unorthodoxen Kellergemach auf dem Areal eines orthodoxen Klosters mitten in Moskau vorbeischauen. Dort regiert der Kleiderkönig des Underground zusammen mit über 45.000 Kleidern und Objekten. Aufgehört zu zählen hat er sie schon längst, wie er sagt, seine Schätze russischer Alltags- und Modekultur, die er seit 20 Jahren auf seinen Raubzügen über Moskauer Flohmärkte und durch Müllcontainer zusammengetragen hat.
Hinter einer Krückensammlung längst verstorbener Rote-Armee-Veteranen stapeln sich in zerlöcherten Plastiksäcken kiloweise bunte Kleidchen mit Blumen-, Raketen- oder Traktorenmuster von der Stalin- bis zur Breschnew-Zeit. Auf einer Kleiderstange drängen sich die braunen Schuluniformen mit den typischen auswechselbaren weißen Kragen. Die ganze Sowjetunion drückte in derlei Normtracht die Schulbank bis Anfang der Neunziger. Hinter einem ausgestopften Pferd aus dem Fundus des Bolschoi-Theaters hängt Petljuras Starstück: ein Raumanzug eines Mir-Kosmonauten. Daneben eine für die Ewigkeit und die Erfüllung des Fünfjahresplans gemachte Arbeiterkluft eines Kolchosenarbeiters. Dazu ein unschätzbares Unikat jüngster russischer Modegeschichte: ein Jeansjackenimitat, vermutlich einst ganzer Stolz eines jungen Russen. Das Statussymbol hatte sein einstiger Träger in westlicher Manier über und über mit Labels benäht. Neben dem Sportabzeichen der Olympischen Spiele 1980 in Moskau prangt jenes des 26. Parteikongresses der Sowjetunion. Ein berührendes Zeitdokument einer Epoche, als der Kapitalismus schon an die Türen klopfte.
Schon Jahre, bevor dieser Einzug hielt, Mitte der Achtziger, organisierte der Ukrainer Petljura (Jahrgang 1955) in Moskau Rockfestivals, schräge Kunst- und Mode-Performances und kreierte aus Flohmarktkleidern eigene Kollektionen. 1989 gründete er die alternative Freie Akademie Moskau, eine Künstlerkommune, die im ersten besetzten Kulturhaus der Hauptstadt fünf Jahre lang als Zentrum der freien Szene residierte.