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Anna Ceeh, aus der Bilderserie “Ontological Realities”
Zwölf Zeitzonen – eine gemeinsame Sprache
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Die russische Künstlerin Anna Ceeh (geboren in St. Petersburg) hat die Bilderserie des vorliegenden „Report“ entwickelt und die beiliegende CD „Melodia“, mit aktueller russischer, baltischer, ukrainischer Elektronikmusik, gemeinsam mit dem österreichischen Sound-Künstler Franz Pomassl (Gründer des Elektronik-Labels „Laton“) kompiliert. Beide haben in den vergangenen zwei Jahren intensiv die Ukraine, die baltischen Länder sowie Russland, das größte Land der Erde, das sich über zwölf Zeitzonen erstreckt, abseits seiner zentralen Städte Moskau und St. Petersburg bereist. Sie
sind dabei bis in die entlegensten Regionen – vor und hinter dem Uralgebirge – vorgedrungen.
Antje Mayer im Gespräch mit Anna Ceeh und Franz Pomassl
In ihrem Reisetagebuch haben sie Folgendes stichpunktartig vermerkt: arktische Tundra & Taiga, Phantomstädte, Hardcore-Industrie, Reste nomadisierender Nenzen & Samen, Dauerfrost-Boden, endlose Landschaften, unzählige Holzhaus-Dörfer, neue und alte orthodoxe Kirchen in allen möglichen Größen, Transsib, verlockende Idylle, massivste Umweltschäden, deren Szenarien einem Katastrophenfilm gleichen. Menschen aus Fleisch und Blut, die größten Seen & längsten Flüsse der Welt, Ekstase & Experimente, lamaistisches Kloster und Mönche, buriatische Steppe, unbändige Vegetation, japanisches Meer, zwölf Zeitzonen, eine gemeinsame Sprache. Auf ihren Expeditionen haben sie die Karte der aktuellen Musikproduktion neu kartografiert und vermessen. Sie dokumentierten und spürten bis dahin unbekannte Musikregionen und Musiker auf, die sie auf der vorliegenden CD präsentieren. Der Titel „Melodia“ verweist nicht nur auf den stark melodiedurchzogenen Charakter der Stücke, sondern auch ironisch auf das gleichnamige staatliche Schallplatten-Label, das dem sowjetischen Kulturministerium unterstand.
Antje Mayer: Anna, wie sind die Bilder zu dieser Ausgabe des „Report“ entstanden?
Anna Ceeh: Ich arbeite an diesen Fotos seit nunmehr drei Jahren. Es sind mittlerweile an die Tausende. Es gibt immer nur ein Original, nie eine Kopie, da sie mit einem selbst entwickelten Druckverfahren produziert wurden. Später sollen sie in einer Publikation zusammengefasst werden. Im Zentrum steht der Versuch, den Weg zur Bildwerdung – wenn man so will: „die performative Dimension des Bildes“ – herauszuschälen. Diese Fragestellung hat in der Geschichte feministischer Praxis und Theorie ein vielfältiges Spektrum hervorgebracht, das ich um eine weitere Facette komplettieren möchte.
Sind das Selbstporträts?
A. C.: Ja und nein. Sie sind eher Abbilder meiner Selbstdefinition, als dass sie Porträts wären. Sie beschäftigen sich etwa mit meiner Realität als Frau oder als Mutter einer Tochter. Ich hinterfrage mit den Bildern meine Identität und erschaffe mit ihnen immer wieder eine neue Idee von meiner Realität. Den dokumentarischen Charakter nehme ich schon durch die Nachbearbeitung und meine farblichen Interventionen. In meinen Fotos möchte ich mein fast schon manisches Insistieren auf diese Übersetzung zwischen Bild und Realität manifestieren.
Zur CD: Mit eurem Label „Laton“ seid ihr beide in fernsten Regionen unterwegs, um die weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte zu erkunden, Musiker von dort zu publizieren und im Westen zu promoten. Auf welche musikalischen Entwicklungen seid ihr gestoßen?
A. C.: Selbst mir als Russin wurde auf unseren Reisen noch einmal die unglaubliche Dimension meines Heimatlandes bewusst, das sich über zwölf Zeitzonen erstreckt. Ich meine, in dem fast schon utopischen Charakter der aktuellen Musikproduktion findet das seinen Ausdruck. Es gibt in diesen geografischen Großregionen jedoch durchaus auch so etwas wie eine verbindende Tradition, nämlich Musik mit aktuellen technologischen Erfindungen zu paaren. Auffällig ist, dass viele der zeitgenössischen Musiker als hoch qualifizierte Naturwissenschaftler ausgebildet wurden. Ich denke etwa an die historische Erfindung des Theremins, eines der ersten elektronischen Musikinstrumente der Welt, das der russische Physiker Lev Sergejewitsch Termen im Jahr 1919 entwickelte. Oder nehmen wir die Noise-Experimente der russischen Futuristen. Wichtig für das Musikmachen waren auch die sowjetischen Synthesizer in den achtziger Jahren, durch die Mangelwirtschaft fast jeder ein Prototyp, der technisch versierter Benutzer bedurfte. Das alles sind wichtige gemeinsame historische Bezugspunkte.
Haben sich die Szenen im fernen russischen Osten ähnlich wie im „Westen“ entwickelt?
Franz Pomassl: Als in der Sowjetunion die ersten Synthesizer und Computer erhältlich waren, produzierten die jungen Leute genau wie bei uns damit Musik, nur eben mit Sowjetgeräten, die sich anders anhörten. Aber der Drang, akustisch zu forschen, den unmöglichsten Dingen Töne zu entlocken, war der gleiche. Außerdem waren die Menschen ja damals wie heute nicht aus der Welt. Sie kamen „im Rest der Welt“ schon an ihre Informationen heran. Murmansk und Wladiwostok sind und waren große und bedeutende Hafenstädte in ihrer Region. Über den Seeweg wurden die jungen Leute dort stets auch mit westlicher Musik- und Popkultur versorgt.
Wir sprechen immer eurozentrisch vom musikalischen Einfluss aus dem Westen. Ist und war der denn so wichtig in Russland? In Wladiwostok, von wo euer Laton-Künstler Evgeny Beresnev aka „Park Modern“ kommt, liegt Asien praktisch vor der Haustür.
A. C.: Die Situation dort ist insofern hermetisch, als man im großen Russland physisch noch stark verortet ist, nicht reist, nur virtuell durch das Internet. Alles ist weit weg und das Reisen dadurch teuer. Unabhängige Musik wird fast ausschließlich über das Netz vertrieben. Bei uns noch Zukunftsmusik, dort schon Realität. Man hat sozusagen einen Schritt einfach übersprungen. Es gibt praktische keine Vertriebsstrukturen oder Shops für derartige Musik, wie wir sie kennen. So baut jeder parallel seine eigene internationale Vertriebsstruktur im Internet auf. Der Musiker Evgeny Beresnev aus Wladiwostok hat deswegen sogar Fans in Südamerika und Australien.
Gehen die Musiker in Russland respektloser mit der neuen Technologie um?
F. P.: Im „Westen“ können wir die Technologie nur bedienen und der Sound klingt somit immer „gleicher“, weil alle Produktionen, ob Pop oder Experiment, über die gleiche Soft- und Hardware abgewickelt werden. In den turbokapitalistischen Ländern im „Osten“, das gilt etwa auch für China oder Indien, können sie die Technologie noch bearbeiten. Sie tun das ohne Respekt, mit Sinn für Experimente. In Europa werfen wir den Technikschrott weg, dort wird alle mögliche Materie, auch Sound, immer wieder recycelt. Das bringt eine individuelle Musik. In Zukunft werden dort noch die verrücktesten Sound-Maschinen entwickelt werden. Viele Musiker, die wir getroffen haben, wollten das Musikmachen aufgeben. Die Einladung, auf unserem Label „Laton“ zu publizieren und auf Festivals im Westen aufzutreten, haben viele ermutigt, jetzt doch weiterzumachen. Jetzt können sie sich endlich direkt an den internationalen Avantgarden messen.
Anna Ceeh wurde 1974 in St. Petersburg geboren und studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien (Klasse Franz Graf). Die Videokünstlerin und Fotografin, Festival-Organisatorin und Musik-Label-Managerin („Laton“) lebt und arbeitet in Wien. Ihre Arbeiten präsentierte sie bereits unter anderem an folgenden Orten: Galerie Hit (Soloausstellung) und Galerie Space, Bratislava (SK), Ostbottnisches Museum, Vaasa (FI), Marmara Universität, Istanbul (TR), Living Art Museum und Klink og Bank, Reykjavik (IS), Land-mark, Bergen (NO), Detali zvuku, Kiew (UA), „New Media Festival“, ACCEA, Jerewan (AM), „Kontrakom 06“, Salzburg (A), KNAM Theater, Komsomolsk na Amure (RU), „Replica“, Almaty (KZ).
Franz Pomassl ist Musiker, international gebuchter DJ und Pro-duzent. 1990 gründete er mit Alois Huber das erste Elektronik-Label in Österreich: „Laton“. Er initiierte und leitet das Klangforschungsla-bor „Sound Studio“ an der Akademie der bildenden Künste Wien.
www.annaceeh.com
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