Secession_03_2010
 
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Der Schweizer Künstler Christoph Büchel in memoriam Sexskandal Beethoven-Fries

Ein gelungenes Revival dank kooperativer Öffentlichkeit

Der Schweizer Künstler Christoph Büchel ist durch seine großen Installationsprojekte und komplexen Rauminstallationen seit Jahren in der internationalen Kunstszene bekannt. In seinen Werken verarbeitet er oft politische und gesellschaftliche Zustände oder zeigt eine institutionskritische Haltung. Zentrales Thema Büchels ist aber immer wieder der Raum mit seinen Bedeutungen, Geschichten, Bezügen, Besitzverhältnissen und Benutzern. Seine aufwendigen Rauminstallationen nisten sich in den Kunstinstitutionen ein, dehnen sich räumlich aus und richten sich, falls nötig, auch gegen gängige Ausstellungskonventionen. Die Wirklichkeit wird in den Räumen detailgetreu nachgestellt und präzise je nach Thema ausgestattet. Seine Werke verlangen vom Besucher eine aktive Beteiligung und inszenieren oftmals gesellschaftliche oder strukturelle Ausnahmezustände. Der Besucher wird somit mit einer fiktiven Realität konfrontiert und physisch als auch psychisch gefordert.

2002 versteigerte Büchel seine Einladung zur Manifesta 4 auf eBay. In „Capital Affair“ im Helmhaus in Zürich versprach er das gesamte Ausstellungsbudget demjenigen Besucher, der einen in den leeren Ausstellungsräumen unter Aufsicht eines Notars versteckten Scheck fände. 2006 löste er in Salzburg eine intensive Kulturdebatte aus: Während des „Kontracom Festivals 06“ organisierte er mit der von ihm gegründeten Aktion Reales Salzburg (ARS) erfolgreich das Bürgerbegehren „Salzburg bleib frei“, das zu einer stadtweiten Abstimmung führte und dessen Ziel ein fünfjähriges Moratorium für Gegenwartskunst im Stadtzentrum der Mozart-Metropole war.

In der Ausstellung „Deutsche Grammatik“ (2008) in der Kunsthalle Fridericianum thematisierte Christoph Büchel die jüngere deutsche Geschichte und aktuelle politische und gesellschaftliche Strukturen des Landes. Die Kunsthalle wurde ihrer Funktion als Museum beraubt und die Räume für verschiedene Zwischennutzungen freigegeben. Unter anderem zogen eine Filiale des Diskonters Mäc-Geiz, eine Spielothek sowie ein Sonnenstudio und ein Fitnesscenter in das Gebäude ein. Rein Wolfs, Direktor der Kunsthalle, hat sich für eine Ausstellung mit Christoph Büchel entschieden‚ „weil er imstande ist, die Verbindung zwischen Kunst und Gesellschaft offenzulegen, die momentane Condition humaine zu markieren und den Diskurs über die Rolle und Bedeutung der Kunst anzukurbeln.“

In der Secession „interpretiert“ Christoph Büchel einen Teil der Geschichte des Jugendstilhauses neu. Statt „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ ist nun „Der Kunst ihre Kunst, der Zeit ihre Freiheit“ über dem Haupteingang der Secession zu lesen. Genau wie diese temporäre „Aktualisierung“ des Zitats von Ludwig Hevesi verweist Büchel mit der Installation des Swingerklubs „Element6“ auf den Skandal um den Beethoven-Fries von Gustav Klimt, bei dem gemalte Schamhaare an drei nackten Gorgonen in der Öffentlichkeit der Jahrhundertwende Empörung  auslösten. 2010 schafft ein Swingerklub eine Entrüstung und vollendet damit die Geschichte und den zeitlichen Bogen, den Christoph Büchel in seinem Konzept gespannt hat.

Christoph Büchel, 1966 geboren, lebt und arbeitet in Basel. Studium: Schule für Gestaltung, Basel; Cooper Union School of Art, New York; Kunstakademie Düsseldorf; Stipendium PS 1, New York.

Installationen, Rauminszenierungen (Auswahl):
2009: „Chasing Napoleon“, Palais de Tokyo, Paris. 2008: „Christoph Büchel: Deutsche Grammatik“, Kunsthalle Fridericianum, Kassel. 2008: „Shifting Identities“, Kunsthaus Zürich. 2007: „Memorial to the Iraq War“, ICA London. 2006: „Kontracom 06“, Öffentlicher Raum Salzburg. 2005: 51. Biennale Venedig.

Secession: Bar und Club Element6 (Christoph Büchel)
19. Februar – 18. April 2010, Betrieb: ab 21.00