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„Der wirtschaftliche Druck ist groß, die Verlockung auch“
Simone Schlindwein steht für die junge Generation der Osteuropa-Korrespondenten. Ihr Studium an der Freien Universität Berlin schloss sie mit einer Studie über die „Medien(un)freiheit“ in Osteuropa ab. Heute arbeitet sie als freie Journalistin in Moskau (unter anderem für „Spiegel, „Eurasisches Magazin“, „n-ost“). Sie ist auf der Suche nach neuen Perspektiven und Geschichten aus dem Land.
„Ich kenne Russland nun seit fast zehn Jahren, bin viel gereist und war fast jedes Jahr dort. Immer wieder bin ich überrascht. Neulich war ich in einer Kleinstadt in Westsibirien in der Ölregion Chanty Mansijsk und bekam den Mund vor Staunen nicht mehr zu, wie modern und neu dort alles ist – eine schicke Kleinstadt, in der kaum mehr was von der alten Sowjetfassade übrig ist. Statt hölzernen Blockhütten oder Blockbauten findet man Reihenhäuser mit Garten, Spielplätze und grüne Parks, und das mitten in der Taiga. Eine solche Szenerie passt in kein Klischee. Darüber zu berichten, ist unsere Aufgabe als Journalisten.
Der Alltag sieht leider anders aus. Viele Korrespondenten der älteren Generation sind noch nicht ganz im heutigen Russland angekommen. Viele Redakteure zu Hause denken, dass Klischees wichtig sind, um den imaginären Leser mit Dingen, die er schon kennt, einzufangen. Dazu dienen die Bilder vom besoffenen Russen oder von Sibirien mit Eis, Schnee und Bären. Diese Klassiker krallen sich hartnäckig in die Köpfe der Chefredakteure. Deswegen kann man als Korrespondent zwar schon versuchen, mal andere und gegenteilige Geschichten anbieten, doch ist das mitunter ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn nicht mindestens ein Klischee im Telefonat mit den Redaktionen erwähnt wird, lässt sich eine Geschichte aus Russland nicht verkaufen.
An der Sache mit der mangelnden Medienfreiheit ist schon viel dran, aber anders als man es im Westen wahrnimmt. Man denkt, die russischen Medien verbreiten alle nur Propaganda, weil sie staatlich kontrolliert sind. In der Realität gibt es dafür Tendenzen, aber nicht alle Medien sind streng auf Linie. Viele werden vor allem wirtschaftlich beeinflusst, entweder von Akteuren wie Oligarchen oder vom Anzeigengeschäft. Zwischen Anzeige, Werbung und unabhängiger Berichterstattung ist oft nicht zu unterscheiden.
Medien(un)freiheit trifft in Russland als Begriff insofern zu, als die Journalisten freier sein könnten und das sicherlich auch gerne wären, wenn man sie machen ließe. Doch der wirtschaftliche Druck ist groß, die Verlockung auch. Ich war neulich auf einer Pressereise, organisiert von der Regionalverwaltung der Region Tjumen. Dort will man verstärkt Unternehmen ansiedeln und sucht nach Investoren. Die Verwaltung hat deswegen eine Reise für Journalisten gesponsert: fünf Tage, Flug aus Moskau, Hotelübernachtung und sämtliche Mahlzeiten inklusive täglicher Kaviar-Häppchen. Auf solchen Reisen wird man dann von einer Fabrik in die andere gefahren. Es ist im Prinzip eine Werbetour. Am Ende hat ein Mitarbeiter der Verwaltung den Journalisten angeboten, dass man auch Geld bezahlt, wenn in ihren Zeitungen ein Artikel gedruckt wird. Für ausländische Journalisten ist das erschreckend, russische Kollegen finden das normal.“
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