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Susanne Scholl - Susanne Scholl „Auch im ORF kommt die Osteuropa-Berichterstattung zu kurz“

Susanne Scholl leitet seit vielen Jahren das ORF-Büro in Moskau. Die promovierte Slawistin arbeitete zunächst unter anderem als Wien-Korrespondentin für „Le Monde“, ehe sie 1986 in die ORF-Osteuroparedaktion wechselte. 2006 wurde Scholl wegen ihrer Tschetschenien-Berichterstattung von russischen Behörden vorübergehend festgenommen.

„Über das Osteuropa-Bild in westlichen Medien kann ich leider nur sehr beschränkt Auskunft geben, weil ich schon seit Langem in Russland lebe und die westlichen Medien nur am Rande mitverfolge. Aber soweit ich es beurteilen kann, ist mein Eindruck zweigeteilt. Zum einen habe ich das Gefühl, Osteuropa kommt insgesamt viel zu wenig vor – irgendwie scheint es, als ob man im Westen lieber nicht wissen will, was da eigentlich los ist. Zum anderen gibt es zwei Extreme: die sogenannten Propagandisten – also Leute, die alles rosarot zeichnen und meistens nicht in den Ländern selbst leben – und die anderen, die kritisch bis manchmal auch einfach offen negativ sind.
Eine ausgeglichene Berichterstattung zu Osteuropa scheint schwierig zu sein. Ich versuche, die russische Realität abzubilden. Die meisten Kollegen hier in Moskau tun das ebenfalls. Das wird allerdings im Westen nicht immer geschätzt.
Den Eindruck, dass vor allem Klischeebilder vom Osten vermittelt werden, habe ich nicht. Die Klischees entstehen jedoch immer dann, wenn Leute über Russland sprechen, die die Sprache nicht beherrschen und das Land selten besucht haben. Die Journalisten, die von vor Ort berichten, bedienen sich in der Regel nicht jener Klischees, die im Westen so unausrottbar scheinen.
Dass es mehr Negativ- als Positivmeldungen gibt, erklärt sich aus unserem Anspruch, die Realität zu vermitteln. Und die ist – in Russland zum Beispiel – nun einmal nicht so ungeheuer positiv. Wenn man das Leben der Reichen von den Petrodollars mit „Wirtschaftsaufschwung“ gleichsetzen will und die Ausschaltung der demokratischen Institutionen in Russland nur von marginalem Interesse hält, dann wäre eine positivere Berichterstattung gerechtfertigt. Sonst nicht.
Ich glaube im Übrigen, dass auch im ORF die Osteuropa-Berichterstattung zu kurz kommt. Wenn man nämlich nicht kontinuierlich berichtet, besteht die Gefahr der Vereinfachung – und auch der Verwendung von Klischees.“