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„Wo bleibt das Positive?“
Werner D’Inka ist seit vielen Jahren Redakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, seit 2005 gehört er auch deren Herausgebergremium an. Darüber hinaus engagiert er sich für russisch-deutsche Medienbeziehungen, ist ehrenamtlicher Kodirektor des „Freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik“ an der Universität Rostow am Don und Beiratsmitglied des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung „n-ost“.
„Studenten der Moskauer Lomonossow-Universität stellten mir neulich eine Inhaltsanalyse deutscher Zeitungen vor. Ergebnis: Russland kommt schlecht weg, Sport ausgenommen. Die Analyse ist zweifellos zutreffend. Noch schlechter als das Image Russlands ist allerdings das Bild Deutschlands in den deutschen Medien. Verheerend dürften die Images der Herren George W. Bush, Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy ausfallen, um nur einige Namen zu nennen. Und geradezu vernichtend war das Medien-Image des Kanzlers der deutschen Einheit, Helmut Kohl.
Warum ist das so? Weil es nicht unsere vordringliche Aufgabe ist, strahlende Bilder zu vermitteln; dafür gibt es PR-Stäbe in Regierungen, Unternehmen und Verbänden. Unsere Aufgabe ist es, darauf hinzuweisen, wenn etwas in Politik, Wirtschaft, Kultur oder Gesellschaft schiefzulaufen droht. Genau das ist nämlich die Funktion des ‚kritischen Journalismus‘, den alle so gern im Munde führen: Politiker, Unternehmer, Fußballtrainer, Theaterregisseure, die Atomlobby, Umweltaktivisten und viele andere. Nur wenn es um die jeweils eigenen Angelegenheiten geht, gilt dieses Plädoyer nicht mehr, da verlangt man ‚Erfolgsgeschichten‘.
Aber müsse denn buchstäblich in jedem zweiten Artikel über Russland das ‚Klischee Korruption‘ vorkommen, fragten mich die jungen Moskauer Kollegen. ‚Wenn das ein Klischee ist, hat dann der neue Präsident und haben die Präsidenten vor ihm über Klischees gesprochen?‘, fragte ich zurück. Ja, Korruption gibt es auch in Deutschland, beispielsweise in städtischen Bauämtern oder Jahre hindurch bei Siemens; darüber berichten wir ebenfalls. Dass für Universitätsdiplome Geld genommen und gezahlt wird oder dass Eltern ihren einzigen Sohn vom Wehrdienst freikaufen, ist allerdings kein Medienkonstrukt, sondern in vielen Ländern Osteuropas Alltagsrealität. Und wer jemals in eine russische oder ukrainische Verkehrskontrolle geraten ist, kennt die inoffiziellen Gebührensätze, vom Zoll ganz zu schweigen. Doch wo bleibt das Positive? Die namhaften Zeitungen oder Sender berichten durchaus über wirtschaftliche Erfolge, aber Wirtschaftsteile werden von Medienkritikern offenbar nicht gelesen.
Dessen ungeachtet gäbe es sicher manches an der Berichterstattung über Osteuropa zu verbessern. In vielen Fällen ist sie – wie Auslandsberichterstattung überhaupt – notwendigerweise hauptstadtlastig. Zu wünschen wäre, dass die Korrespondenten mehr Zeit und Gelegenheit fänden, über Land zu fahren, doch das ist kein Vorwurf an die Kollegen, sondern eine Frage von Personal und Ressourcen, auch bei den großen Zeitungen und Sendeanstalten. So gesehen bieten Einrichtungen wie das Reportagenetzwerk ‚n-ost‘ eine willkommene Ergänzung der Themenpalette.“
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