2010_Hilfswerk01
 
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social issues & initiatives | by Sebastian Fasthuber | 2010-06

„Wo bringe ich mein Kind unter?“

Die Psychologin Martina Genser-Medlitsch vom Niederösterreichischen (NÖ) Hilfswerk im Gespräch über die gegenwärtige Situation und Zukunft der Familie, die Schwierigkeit vieler Eltern, die passende Kinderbetreuung zu finden, und traditionelle Rollenbilder.

Sebastian Fasthuber: Die Familien sind in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden. Nur mehr selten sind Großeltern im Haus. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Kinderbetreuung?
Martina Genser-Medlitsch: Meist wohnen heute nur mehr zwei Generationen in einem Haushalt. Ich sehe aber schon, dass die Großeltern in der Betreuung und Erziehung von Kindern immer noch einen großen Beitrag leisten, auch wenn sie nicht mit im Haushalt leben. Viele Großmütter stehen heute selbst noch aktiv im Berufsleben und daher auch nur zeitweise zur Verfügung. Sind gar keine Großeltern in der Nähe verfügbar, muss man sich die Versorgung der Kinder wirklich gut überlegen.

Auf viele Eltern wirkt das vorhandene Angebot an Kinderbetreuung sehr unübersichtlich. Kinderbetreuung ist in Österreich Ländersache. Aus diesem Grund finden die Eltern verschiedene Angebote vor. Je nachdem, wie alt das Kind ist, in welchem Karrierestadium die Eltern sind und wie viel Zeit ihnen für die Kinderbetreuung zur Verfügung steht, müssen sie sich ansehen, welche Betreuungsangebote in räumlicher Nähe für ihr Kind bestehen. Aufgrund seines Heranwachsens ändern sich die Bedürfnisse des Kindes auch wieder rasch. Dadurch steht man in regelmäßigen Abständen vor der Frage: Wo bringe ich mein Kind unter?
Die heutige Arbeitswelt verlangt flexible Arbeitskräfte. Die Eltern brauchen demzufolge flexible Betreuungszeiten für ihr Kind. Wie viel Aufholbedarf besteht hier noch? Das Angebot per se gibt es eigentlich schon. Wir haben eine Fülle an Betreuungsmöglichkeiten: Tagesmütter, Mobile Mamis, Kindergärten, Kinderkrippen, Au-pairs, Betriebskindergärten, Babysitter-Dienste. Ein großes Loch besteht noch in der Randzeitenbetreuung. Manche Eltern bräuchten manchmal oder auch regelmäßig von sechs bis halb acht Uhr oder von 17 bis 20 Uhr Betreuung für ihr Kind. Die öffentlichen Institutionen sind zu diesen Zeiten geschlossen. Oder jemand hat am Wochenende Schichtdienst. Oft findet sich nichts in der Nähe der Familie oder des Arbeitsplatzes, oder es ist schwer, eine solche Sonderbetreuung leistbar anbieten zu können, herrscht doch auch ein höherer Aufwand für die Betreuungsperson. In Niederösterreich haben wir zwar viele Tagesmütter, die auch an Wochenenden arbeiten. Diese können aber wiederum nicht finanziell überleben, wenn sie die Kinder nur zu Randzeiten betreuen.

Was wäre aus Ihrer Sicht zielführend?
Wenn man als Gesellschaft sagt, die Familie und die Kinderbetreuung ist uns etwas wert, dann müsste das bedeuten, die Wertigkeit zu erhöhen. Private Trägerschaften müsste man besser fördern beziehungsweise den öffentlichen Institutionen gleichstellen. Auch die Verschränkung zwischen Arbeitswelt und Kinderbetreuung funktioniert bei uns noch nicht so gut, das ließe sich genauer aneinander anpassen. In skandinavischen Unternehmen werden am späten Nachmittag zum Beispiel grundsätzlich kaum mehr Besprechungen angesetzt.

Momentan herrscht Chaos. Anfang Juni wussten viele private Träger noch nicht, wie viel Förderung sie bekommen und wie viele Eltern ab Herbst für die Kinderbetreuung bezahlen müssen. Wird sich all das noch einspielen?
Meine Prognose ist: Kurzfristig werden sich vor allem private Träger abmühen, um den Spagat zu schaffen. Von politischer Seite her war es unveranwortlich, Dinge in die Welt hinauszuschicken, noch bevor die Umsetzung geplant wurde und überhaupt mit jenen gesprochen wurde, die dann die Umsetzung verantworten müssen. Diese Leute müssten schon vorab viel stärker eingebunden werden, dadurch könnte man frühzeitig Hindernisse erkennen. Solche Prozesse bräuchten aber mehr Zeit.

Wie müsste eine langfristige Planung aussehen?
Grundlegende Veränderungen erfordern Analysen des Ist-Zustands, eine Überprüfung des Bedarfs und die Entwicklung einer Vision. Und um zu einer Umsetzung dieser Vision zu kommen, muss wiederum gut geplant werden. Natürlich ist es schwer, Veränderungen zu antizipieren. Wir leben in einer schnelllebigen Welt. Kann ein neues Modell überhaupt auf längere Zeit halten? Die Aufwand-Nutzen-Rechnung ist eine schwierige.

Wechseln wir zu den Eltern: Früher gab es noch eine klare Trennung zwischen autoritär und antiautoritär erziehenden Eltern. Wie würden Sie die heutige Elterngeneration beschreiben?
Es herrscht eine Vielfalt an Auffassungen von Elternschaft. Die antiautoritäre Bewegung hat sich sehr verringert. Es gibt aber teilweise noch die traditionelle Auffassung mit den typischen Rollenbildern von Vater und Mutter. Und es gibt einen großen Teil, der in Richtung partnerschaftlich orientiertes Elternmodell geht. Diese Eltern bekommen aus Büchern, Zeitungen, TV und Internet eine Fülle an Tipps vermittelt, wie sie ihr Kind richtig erziehen. Diese Informationen sind teilweise auch widersprüchlich. Die Verwirrung vonseiten der Eltern ist sehr stark zu spüren. Gerade bei jenen, die sich besonders bemühen.

Man hat das Gefühl, die Schere geht weit auseinander. Viele Eltern sind, wie Sie sagen, besonders bemüht, andere kümmern sich wenig um die Kinder.
Das ist das andere Ende der erwähnten Vielfalt. Nach wie vor besteht eine Gruppe, in der Erziehung ein sehr marginales Thema darstellt. Das können sozial benachteiligte Familien sein, solche mit prekären finanziellen Verhältnissen. Die Frage, wie man sein Kind richtig erzieht, wird da selten gestellt. Meist werden eigene negative Erfahrungen nicht reflektiert, sondern im Gegenteil bei den eigenen Kindern wieder angewendet.

Mit welchen Fragen wenden sich die Leute an Sie beim Hilfswerk?
Ein großer Punkt sind Auffälligkeiten bei Kindern, die sich spätestens dann zeigen, wenn die Kinder außer Haus betreut werden. Also in der Art: Mein Kind hat Probleme im Kindergarten, es kratzt die anderen Kinder. Ein zweiter Punkt sind Partnerschaftskonflikte, die sich auch auf die Kinder auswirken. Natürlich ist Gewalt in Beziehungen ebenso immer wieder ein Thema. Häufig erlebt man auch überforderte Eltern, die die Alltagsorganisation nicht mehr schaffen. Das geht teilweise mit Burn-out und psychischen Problemen einher.

Rufen heute mehr Leute bei Ihnen an als vor fünf oder zehn Jahren?
Ja, wir merken eine verstärkte Nachfrage in unseren Beratungsstellen, aber auch bei unseren zwei Telefon-Hotlines wird immer mehr angerufen. Einerseits werden die Probleme immer vielfältiger. Andererseits merke ich schon, dass es keine Riesenbarriere mehr darstellt, sich einzugestehen, dass man alleine mit einem Problem nicht zurande kommt und daher einen Psychologen oder eine Psychologin zurate zieht. Oft wird unser Angebot auch durch Mundpropaganda unter befreundeten Müttern weitergetragen.

Werden Frauen besonders stark belastet?
Ja. Bei der Kinderbetreuung ist es heutzutage so, dass die Frauen völlig unterschiedliche Botschaften vermittelt bekommen. Die eine ist: Wer länger zu Hause bleibt, erleidet finanzielle Einbußen. Wenn Frauen das Kind aber relativ früh außerfamiliär betreuen lassen, kommt immer noch der Vorwurf, sie seien Rabenmütter, die ihrer Karriere den Vorzug geben würden. Da herrscht für Frauen ein Spannungsfeld, das sich meiner Beobachtung nach immer weiter auftut. Es fällt vielen schwer, für sich eine Lösung zu finden, bei der sie ein gutes Gewissen haben können. Und wenn das geschafft ist, bleibt noch die Frage: Wie organisieren wir unsere gemeinsame Zeit? Auch darin liegt eine große Herausforderung. Man setzt sich unter Druck, denn die oft geringe Zeit, die man als Familie gemeinsam verbringen kann, soll qualitativ hochwertig sein, Spaß machen und zudem produktiv sein.

Mit welchen Krisenszenarien beziehungsweise Problemfeldern müssen wir in Familien in Zukunft verstärkt rechnen?
Das lässt sich aus der gesellschaftlichen Entwicklung ein wenig ablesen. Die verschwimmenden Grenzen zwischen Privatleben und Beruf, diese ständige Erreichbarkeit wird für immer mehr Probleme sorgen. Wir werden da auch vermehrt mit psychischen Problemen konfrontiert werden. Wenn Familien auseinandergehen und sich neue Familien an anderen Orten bilden, wird es im Patchworkbereich eine Herausforderung sein, über große Distanzen längere Zeit guten Kontakt zu den Kindern zu halten. Spannend wird auch zu beobachten sein, wie die Facebook-Generation ihre realen sozialen Kontakte erhalten wird.

Ich würde gern noch über Männer sprechen. Viele nehmen ihre Vaterrolle heute ernster als einst ihre Väter, und fast alle schieben Kinderwägen. Aber wie weit sind wir wirklich?
Es wird sich noch hinziehen, bis sich die Vaterrolle als fürsorglicher, gleich integrierter Part wirklich durchgesetzt hat. Ich glaube nicht, dass sich so etwas binnen ein oder zwei Generationen grundsätzlich ändern kann. Vielleicht sind wir da ein bisschen zu ungeduldig. Aber man sieht überall Anzeichen: Vater wird als Wort viel öfter in den Mund genommen, auch in Kinderbüchern kommen heute Väter viel häufiger vor. Am Arbeitsplatz ist es dagegen noch nicht so leicht. Es wäre in dieser Situation falsch, jene, die sich nicht um die Kinderbetreuung kümmern, als schlechte Väter hinzustellen. Diese Einbindung muss auf einer gewissen Bereitschaft und Freiwilligkeit beruhen. Jene Väter, die schon aktiv etwas beitragen, verdienen natürlich maximale Anerkennung. Das sollte auch in der Öffentlichkeit hervorgehoben werden.

„Kindergärtner gelten als unmännlich“ stand kürzlich als Schlagzeile im „Standard“. Sind traditionelle Rollenbilder in Österreich noch stärker ausgeprägt als anderswo in Europa?
Das erlebe ich schon so. Man muss sich nur die Tourismuswerbung ansehen. Da heben wir unser Traditionsbewusstsein mit dieser alpinen Kultur sehr stark heraus. Vielleicht haben wir hierzulande ein bisschen mehr Scheu vor Veränderung. Man zögert noch ein wenig, bevor man sich ins kalte Wasser wagt.

Martina Genser-Medlitsch (geboren 1967) ist Klinische und Gesundheitspsychologin, seit zwölf Jahren im NÖ Hilfswerk tätig und dort Fachsbereichsleiterin der Kinderbetreuungsangebote Tagesmütter, Mobile Mamis und Kleinkinderstuben.

Sebastian Fasthuber arbeitet als Literatur- und Musikkritiker für die Wiener Stadtzeitung „Falter“, das Musikmagazin „now!“ und das Monatsmagazin „Datum“. Fasthuber ist seit 2008 Vater eines Sohnes. » Back to report
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