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social issues & initiatives | Austria | by Barbara Tóth | 2010-06
„Nie mehr wieder“Danielle Spera, ab 1. Juli 2010 Direktorin des Jüdischen Museums Wien, im Gespräch mit Barbara Tóth über die Thematisierung des Holocausts, den aktuellen Bezug zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und mögliche Prävention.Barbara Tóth: Frau Spera, haben Sie den Film „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino gesehen, der dem österreichischen Schauspieler Christoph Waltz den Oscar als bester Nebendarsteller einbrachte?Danielle Spera: Ja, gleich am allerersten Abend. Wie hat er Ihnen gefallen? Sagen wir einmal so: Es ist ein Film, der mir immer in Erinnerung bleiben wird. Er ist Brutal-Unterhaltung à la Tarantino mit Popcorn, Cola und schenkelklopfenden Jugendlichen im Kinosaal. Die Juden rächen sich an den Nazis, ritzen dem Bösewicht zum Abschluss das Hakenkreuz in die Stirn – bestens, keine weiteren Fragen, und nachher gehen wir noch etwas trinken. Das hat mich schockiert. Über diesen Film ist viel geschrieben worden, unter anderem auch, dass er eine neue Ära des Umgangs mit dem Holocaust einläutet. Weil dieser endgültig „kalte Geschichte“ ist, könne man nun auch spaßige Action-Thriller wie eben „Inglourious Basterds“ über ihn drehen. Sehen Sie das auch so? Nein, keinesfalls. Die Shoah ist mitten in Europa passiert, inmitten von hoch zivilisierten Menschen, die entweder Täter waren oder weggeschaut haben. Das macht dieses Ereignis einzigartig, auch wenn nun langsam das passiert, was die Zeitgeschichte „Historisierung“ nennt. Deswegen bleibt es nach wie vor das Wichtigste, darauf hinzuweisen, wie es so weit kommen konnte, um zu verhindern, dass es je wieder geschieht. Dennoch muss sich die Kultur der Erinnerung an den Holocaust ändern. Zeitzeugen, die vor Schulklassen referieren, wird es bald nicht mehr geben. Leider ist das so. Die Zeitzeugen sind bald nicht mehr da, und nur mehr wenige sind gesund und stark genug, um selber von ihren schrecklichen Erlebnissen zu erzählen. Allerdings sind glücklicherweise unzählige Erinnerungen aufgezeichnet worden. Es gibt etwa Organisationen wie Centropa, die diese Aufzeichnungen so aufbereiten, dass sie auch für ein junges Publikum – oder solches, das kein Vorwissen hat – leicht zugänglich sind und anschaulich dargestellt werden können. Für mich ist nach wie vor die Schule und nicht das Kino die Institution, in der das Wissen über unsere Vergangenheit weitergegeben werden muss. Es ist definitiv Aufgabe des Unterrichts, den Jugendlichen solche Projekte vorzustellen. Es ist für jemanden, der vor 1975 geboren wurde, schwer vorstellbar, aber für Jugendliche von heute ist der Holocaust etwa so weit entfernt wie für uns der Erste Weltkrieg. Wie kann man die Singularität dieses Verbrechens dennoch vergegenwärtigen? Tatsächlich macht es diesen Eindruck. Allerdings finde ich es faszinierend, dass gerade junge Leute Aktionen wie „Letter to the stars“ oder „Blumen der Erinnerung“ initiiert haben, wo Jugendliche Zigtausende Rosen vor Wiener Hauseingängen deponiert haben, um zu zeigen, dass aus diesen Häusern Wiener Juden vertrieben worden sind. Das waren beeindruckende Aktionen, die mit unglaublichem Engagement durchgeführt worden sind. Wichtig ist eben, dass man bei der Thematisierung des Holocausts immer wieder den Bezug zur Gegenwart herstellt. Zu Rassismus, Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit in der heutigen Politik etwa, denn genau solche Methoden haben die Nationalsozialisten stark gemacht. Besteht da nicht auch die Gefahr einer Überladung? Jugendforscher kennen das Phänomen, dass Jugendliche mit Nazi-Symbolen provozieren, ohne deren historische Bedeutung zu kennen. Sondern einfach, weil sie wissen, dass sie damit ein Tabu brechen. Wie geht man damit um? Gerade mit diesen Jugendlichen muss man sich intensiv auseinandersetzen. Sie wollen provozieren und suchen nach Symbolen, mit denen ihnen das gelingt. Sie brauchen einerseits sicherlich mehr Einblick in die Geschichte. Andererseits muss man auch nach den Ursachen ihrer Aggressionen suchen. Für jemanden, der beispielsweise keine Lehrstelle findet und das durch Rassenhetze kanalisiert, ist Zeitgeschichteunterricht alleine nicht die Lösung. Da sind Eltern, Lehrer und das soziale Umfeld gleichermaßen gefordert. Lehrer erzählen immer wieder, dass der Holocaust beispielsweise für Kinder mit migrantischem Hintergrund kaum eine oder eine ganz andere Bedeutung hat. Das erschwert die Vermittlung. Wie kann man den Holocaust über Glaubens- und Kulturgrenzen begreifbar machen? Oft kennen Jugendliche, die aus den „modernen“ Kriegsgebieten dieser Welt stammen, etwa aus dem ehemaligen Jugoslawien, Tschetschenien, Afghanistan oder dem kurdischen Teil der Türkei, leider schon Rassismus, Verfolgung und sogenannte ethnische Säuberungen aus eigenen Erfahrungen. An diesem Wissen kann man behutsam anknüpfen. Ich denke, das Wichtigste ist, auf das Prinzip, das dahinter steht, aufmerksam zu machen. Das heißt, die Jugendlichen für das Entstehen von Rassismen zu sensibilisieren. Aufzuzeigen, wie schnell der Schritt vom Alltagsrassismus zu Massenvernichtungen schon unter den Nazis war. Dass Menschen ausgegrenzt wurden, stigmatisiert wurden, wie leicht es dadurch wurde, den Boden für das aufzubereiten, was danach geschehen ist. Darauf sollte man immer wieder hinweisen. Die Organisation Yad Vashem, die in Österreich mit einem eigenen Verein vertreten ist, macht Gedenk- und Erziehungsprojekte. Yad Vashem ist eine Gedenkstätte, die sich jeder Mensch anschauen sollte. Man wird dort, ob man will oder nicht, ständig mit Österreich konfrontiert, sei es durch Täter, die aus Österreich stammten, durch Opfer oder durch die Tatorte. Yad Vashem Österreich leistet da wertvolle Arbeit, um das bewusst zu machen. Der Holocaust als zentraler Erinnerungsort Europas, funktioniert das? Wer heute in die Schule geht, für den ist das geeinte Europa Normalität. Die Europäische Union baut auf dem Prinzip des „Nie mehr wieder“ auf. Die Absage an alle Ideologien, die zum Holocaust geführt haben, ist Teil ihres Gründungsmythos. Das sollte für Jugendliche so selbstverständlich sein wie für unsere Generation die Neutralität als Teil der österreichischen Identität. Besser ist es natürlich, es positiv zu formulieren: Rassismus und Menschenrechtsverletzungen haben keinen Platz in Europa. „Wehret den Anfängen“, das gilt immer noch. Ausstellungen zu gestalten, die auch die junge Generation interessieren, ist einer Ihrer Schwerpunkte als neue Direktorin des Jüdischen Museums. Was planen Sie konkret? Viele junge Menschen haben Angst, nachzufragen: Was ist jüdisch? Was bedeutet es, ein Jude zu sein? Sie sind mit dem Schweigen der Großelterngeneration aufgewachsen, für die Eltern spielt das Thema Judentum dann meist gar keine Rolle mehr, weil Juden in Wien kaum noch präsent sind. Gleichzeitig gibt es eine große Neugierde auf das Judentum. Das Jüdische Museum soll ein Ort sein, in dem sie Antworten auf ihre Fragen finden, ihr Unbehagen verlieren und erfahren können, dass Jüdisch-Sein ganz normal ist. Wichtig ist mir natürlich, dass die Shoah im Bewusstsein bleibt, aber das ist nicht, worüber sich das Judentum alleine definiert. Judentum war vor allem immer das Leben vielfältiger religiöser Traditionen, die Auseinandersetzung mit geistigen Inhalten, mit Kultur und Wissenschaften, und das im Spannungsfeld der jüdisch-christlichen Kultur Europas, die so großartige Persönlichkeiten und Werke hervorgebracht hat. Wie wollen Sie das vermitteln? Das lässt sich wunderbar darstellen. Die Geschichte Wiens ist untrennbar mit der Geschichte der Juden in Wien verbunden. Das wissen viele junge Menschen gar nicht. Ich möchte das aufzeigen. Das Museum verfügt über unglaublich interessante Objekte. Jedes davon erzählt eine faszinierende Geschichte. Wichtig ist für mich auch, die Religion vorzustellen, das heutige jüdische Wien zu zeigen – wie lebendig es ist, wie viele Parallelen es zu anderen Religionen gibt. Daraus können fruchtbare Diskussionen entstehen, gerade auch mit Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund. Viele Besucher, auch die jüngeren, werden Sie noch aus den ORF-Nachrichten kennen. Wie gehen Sie mit dieser Prominenz um? Indem ich sie für mein Anliegen nutze. Ich werde gegen Antisemitismus und jede Form von Fremdenhass auftreten. Selbstbewusst, bisweilen auch kämpferisch, aber nicht aggressiv. Ich möchte den Dialog suchen. Nur das bringt uns weiter. Danielle Spera (geboren 1957) begann 1978 ihre Tätigkeit als freie Mitarbeiterin in der Auslandsredaktion des ORF. Von 1987 an war die promovierte Publizistin als Korrespondentin im ORF-Büro Washington tätig; ab 1988 moderierte sie die „Zeit im Bild 1“. Von 1990 bis 2002 war sie außerdem Lehrbeauftragte am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien. Seit 2000 ist Spera ständige Autorin bei der jüdischen Zeitschrift „NU“. Mit 1. Juli 2010 übernimmt Danielle Spera die Leitung des Jüdischen Museums der Stadt Wien. Barbara Tóth ist Redakteurin bei der Wiener Stadtzeitung „Falter“, Chefin vom Dienst bei dem jüdischen Magazin für Politik und Kultur „NU“ und Autorin. Zuletzt erschien von ihr das Buch „1986. Das Jahr, das Österreich veränderte“ (Czernin Verlag, Wien 2006) und „Wahl 2008. Strategien, Sieger, Sensationen“ (Molden Verlag, Wien 2008, mit Thomas Hofer). External links: YAD VASHEM
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