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social issues & initiatives | by Barbara Sauer | 2010-06

Die gelebte Erinnerung

Die Historikerin Barbara Sauer über ihre Reise nach Yad Vashem – und in die Vergangenheit: „Berührende Erzählungen mit dem Auftrag, alles in unserer Macht Stehende zu tun, den immer wieder neu aufflammenden Rassismus zu bekämpfen. ‚Nie mehr wieder!‘ ist die Botschaft jeder Lebensgeschichte, die wir hörten.“

Meine Familie wohnt seit den 1950er-Jahren in der Servitengasse im 9. Wiener Gemeindebezirk. Gerade im März 2005, als meine Großmutter starb und ich ihre Wohnung übernahm, lud die Projektgruppe „Servitengasse 1938“ zu einem Treffen: Die Suche nach den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, die in der NS-Zeit vertrieben worden waren, sollte von einem Haus auf die gesamte Straße ausgeweitet werden. So stieß ich zur Gruppe, in weiterer Folge auch zum Forschungsteam. In jahrelanger Archivarbeit haben wir so weit als möglich recherchiert, wer hier 1938 lebte, Häuser besaß, Geschäfte betrieb, die Lebenswege der als Jüdinnen und Juden Verfolgten rekonstruiert. In der Zwischenzeit wurde eine Gedenktafel enthüllt, ein Buch erschien, ein Gedenksymbol wurde errichtet, im Sommer 2010 die Ergebnisse in einer Ausstellung präsentiert. Immer öfter wurden wir auch von Menschen angesprochen, die über die Vergangenheit ihres Hauses, ihrer Wohnung, ihrer Familie Bescheid wissen wollten. Seit dem Sommersemester 2009 halten wir an der Volkshochschule Alsergrund unter dem Titel „Im Archiv der Erinnerungen“ Kurse, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Handwerkszeug für derartige Recherchen erhalten.

Seit einiger Zeit lässt Erinnern.at zusätzlich zu den Lehrerinnen und Lehrern unterschiedlicher Schultypen auch jeweils ein bis zwei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Aufenthalten in Israel teilnehmen. Meine Kollegin Birgit Johler, die das Forschungsprojekt zur Servitengasse geleitet und das Buch herausgegeben hatte, und ich durften im Juli 2009 mit nach Israel fliegen. Ein wenig bange war uns schon: zwei Wochen lang Tag und Nacht mit lauter österreichischen Lehrern, und das bei einem überaus dichten Programm. Um dies gleich vorwegzunehmen: Die Gruppe war überaus heterogen zusammengesetzt, und gerade das machte eine große Qualität des so intensiven Beisammenseins aus, ermöglichte einen vielfältigen Austausch. Die langjährige Erfahrung sowohl seitens der österreichischen als auch der israelischen Verantwortlichen führte zu einem hohen Maß an Professionalität, das gut durchdachte Programm bot unterschiedliche, reiche Anregungen. Doch gerade deshalb gab es immer wieder Bedauern, dass für vieles zu wenig Zeit war, manches hätte man gerne vertieft, Gespräche fortgeführt, noch mehr sehenswerte Orte aufgesucht. Ausgewogen war auch die Mischung aus akademischen und didaktischen Lehreinheiten. So war die Zeit zwar überaus anstrengend, doch möchte ich allen, die die Gelegenheit haben, an einem solchen Kurs teilzunehmen, dringend raten, davon Gebrauch zu machen. Die Erfahrung, das, was wir dort lernen können, wird nicht nur für die zukünftige Arbeit von unschätzbarem Nutzen sein, sondern auch eine große persönliche Bereicherung.

Sternstunden unseres Aufenthalts in Israel waren für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Begegnungen mit den Überlebenden, die wir bei mehreren Gelegenheiten und an verschiedenen Orten hatten. Für mich persönlich ereignete sich dabei ein besonderer Glücksfall, eine Art Wunder: Zu jener Zeit steckte ich gerade mitten in den Recherchen zu einem neuen Projekt über die in der NS-Zeit verfolgten österreichischen Rechtsanwälte. Unter den Überlebenden, die wir kennenlernen durften, traf ich gleich zwei Angehörige von Personen, über die ich damals forschte. Nahezu alle in unserer Gruppe hatten schon vor dem Aufenthalt in Yad Vashem Kontakt mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gehabt. Dennoch berühren die Erzählungen dieser Menschen immer wieder heftig, für uns alle waren es diese Momente, die die stärksten Eindrücke hinterlassen haben. Jede dieser Lebensgeschichten ist ein Auftrag, alles in unserer Macht Stehende zu tun, den immer wieder neu aufflammenden Rassismus zu bekämpfen. „Nie mehr wieder!“ ist die Botschaft jeder Lebensgeschichte, die wir hörten.

Barbara Sauer (geboren 1974) studierte Geschichte und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als freie Historikerin in Wien. Zu ihren Projekten gehören unter anderen „Servitengasse 1938“ und „Advokaten 1938“. » Back to report
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Yad Vashem

Yad Vashem_2010

Yad Vashem ist die nationale Gedenkstätte in Israel zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden während des Holocausts. Die Gedenkstätte wurde 1953 in Jerusalem gegründet. Die österreichischen Freunde von Yad Vashem erinnern an den Holocaust in Österreich durch spezielle Gedenk- und Erziehungsprojekte.

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