Caritas_Auf.Ab_2010 - Caritas
 
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Vienna | | 2010-01

Jugend in Armut ohne Lobby

„Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid und Caritas-Wien-Direktor Michael Landau erörtern im Gespräch mit Sara Mansour Fallah vom „SchülerStandard“ das Thema der Jugendobdachlosigkeit.

Laut Angaben der sozialen Hilfseinrichtungen der Caritas hat die Zahl jugendlicher Obdachloser drastisch zugenommen. Wirtschaftskrise oder Fehlverhalten der Politik sollen schuld sein, wo orten Sie die Auslöser für diesen Anstieg?

Michael Landau: Von der Faktenlage her sehen wir, dass gerade junge Menschen erschreckend oft von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Ein Drittel der Klientinnen und Klienten in unserer Erstanlaufstelle P7, dem Wiener Service für Wohnungslose, ist heute unter 30 Jahre alt. Auch im JUCA, dem Caritas-Haus für junge Erwachsene, sind die Menschen in den vergangenen Jahren deutlich jünger geworden: 2000 war der Altersdurchschnitt im JUCA bei 27, und heute liegt er bei 23. Die Wirtschaftskrise hat ein Phänomen, das schon da gewesen ist, verstärkt.

Alexandra Föderl-Schmid: Wenn die Wirtschaftskrise eines gezeigt hat, dann dass die Arbeitslosigkeit, vor allem aber die Jugendarbeitslosigkeit, gestiegen ist. Eine der Auswirkungen kann sein, dass Jugendliche in der Obdachlosigkeit landen, und das ist ein schlimmes soziales Problem, das von der Politik angegangen werden muss. Im Moment ist es noch so, dass man stark mit Feuerwehraktionen beschäftigt ist, wie man die Wirtschaft wieder ins Laufen bringt. Jetzt ist es aber schon Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Folgen dieser Wirtschaftskrise im sozialen Bereich an- geht. Da sehe ich bis jetzt auf politischer Seite noch relativ wenig Aktionen.


Nun könnten wir gleich zu den Lösungsvorschlägen kommen. Zum Beispiel hat der Obmann der JVP, Sebastian Kurz, Jugendpensionen ohne viel Bürokratie und eine Bildungspflicht nach der Schulpflicht vorgeschlagen, um „die Jugend von der Straße zu holen“. Ist das realistisch, oder wäre damit im Endeffekt wenig getan?

Michael Landau: Dazu muss man sich mehrere Dinge anschauen. Eine Wahrnehmung, die wir haben, ist: Armut ist erblich. Kinder aus armutsgefährdeten oder akut armen Haushalten kommen aus dieser Situation nicht heraus und werden ihrerseits wiederum sehr oft arme Eltern. Ein erster wichtiger Punkt ist also: Wie können wir den Sozialstaat armutsfest machen? Das Thema der Armutsbekämpfung und -vermeidung muss daher für Österreich, aber auch für Europa einen deutlich höheren Stellenwert erhalten. Ein zweiter Punkt ist gerade bei jungen Menschen der Zugang zu Arbeit. Ich habe den Eindruck, dass dieses Problem von der Politik mittlerweile erkannt worden ist. Aktuell bin ich aber noch nicht davon überzeugt, dass ausreichende Maßnahmen gesetzt werden.

Alexandra Föderl-Schmid: Diesen Optimismus teile ich nicht. Es gibt keine politische Debatte über das Thema der Jugendobdachlosigkeit. Außerdem orte ich ein massives Ungleichgewicht in der öffentlichen Wahrnehmung auch bei Medien. Wenn die Pensionisten etwas verlangen, zum Beispiel eine Pensionserhöhung, dann ist es sofort ein politisches Thema. Da gibt es starke Lobbyistenverbände, die etwas bewegen können. Aufseiten der Jungen gibt es keine Lobbys, und für diese Gruppe unter ihnen schon gar nicht.

Michael Landau: Da bin ich bei Ihnen, es fällt uns auf, dass gerade sozial Schwache keine Lobby haben. Es ist ein Teil des Ärgers und des Problems, dass mit großer Selbstverständlichkeit und Geschwindigkeit hohe Beträge eingesetzt werden, wenn es um wirtschaftliche Unternehmen geht und wenn es auch starke Spieler in der öffentlichen Diskussion gibt. Für soziale Randgruppen ist es wesentlich schwieriger, eine ähnliche Aufmerksamkeit zu erlangen.

Am Anstieg der Zahl junger Wohnungsloser sieht man, dass in Österreich bei der Prävention einiges schiefgelaufen ist, wie sieht es jetzt mit der Weiterhilfe aus? Sollte es mehr Anlaufstellen geben, oder fehlt es an anderen Dingen?

Michael Landau: Es ist ganz entscheidend, die jungen Menschen in ihrer Not nicht alleine zu lassen. Das heißt zunächst, dass mehr spezifische Angebote wichtig sind. Es gibt heute deutlich mehr Tageszentren, spezifische Einrichtungen, etwa im Bereich Frauenarbeit, als in der Vergangenheit. Auf der anderen Seite ist es nach wie vor so, dass in Wien das JUCA das einzige spezialisierte Haus ist.

Alexandra Föderl-Schmid: Verglichen mit den Städten, in denen ich gelebt habe, ist Wien eine sehr teure Stadt, gerade im Wohnungsbereich. Das bringt junge Menschen, die aus dem Leben fallen, weil sie ihre Ausbildung abgebrochen oder Probleme mit ihren Eltern haben, erst recht in Schwierigkeiten. Ich finde, da müsste man sehr viel mehr machen. Was ich auch vermisse, ist eine Bildungsoffensive. Das verpflichtende Kindergartenjahr ist schon ein erster Schritt, aber da gibt es Generationen dazwischen, denen auch geholfen werden muss. In Österreich wird da viel zu wenig getan. Ich halte eine Bildungspflicht für gut und wichtig, aber ich denke, man muss bei den Basics, wie den Sprach- und Leseschwierigkeiten, ansetzen. Sonst haben diese jungen Menschen wenige Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

In einem Bericht der Caritas aus dem Jahr 2006 meinten Sie, Herr Landau, dass es zur Armutsbekämpfung „ambitionierte Ziele braucht, etwa die Halbierung der akuten Armut in den kommenden fünf Jahren“. Nun sind drei Jahre vergangen, ist Österreich dieser Halbierung nähergekommen?

Michael Landau: Ich fürchte, wir sind dem Ziel nicht nähergekommen, und ich habe auch den Eindruck, dass die Bereitschaft erschreckend gering ist, über klare Ziele in diesem Bereich zu diskutieren. Bei Wirtschaftsfragen, wenn Sie etwa an die Maastrichtkriterien denken, hat es sehr klare und verbindliche Ziele gegeben. Ich denke, dass es solche Maßnahmen auch für den Sozialbereich braucht. Ich bin überzeugt, es gibt gute soziale Gründe, wirtschaftlichem Denken Raum zu geben, aber es gibt auch gute wirtschaftliche Gründe, auf soziale Fragen zu achten und das Miteinander zu fördern. Die Frage wird sein: Gelingt es der Regierungsspitze, in diese Diskussion positive Dynamik zu bringen?

Bei diesem Gespräch fehlt uns die dritte Instanz, die Politik. Wie sieht es in den kommenden Monaten aus, ist es für Sie realistisch, dass dieses Thema auch zum Thema der Politik wird?

Michael Landau: Das wird dann gelingen, wenn es gute und starke Partner gibt, die uns helfen, dieses Thema zum Thema zu machen. Wir sind froh, gute und starke Medienpartner wie den „Standard“ zu haben.

Alexandra Föderl-Schmid: Die nächsten Monate insgesamt sind entscheidend dafür, welcher Weg jetzt, ein Jahr nach der Wirtschaftskrise, in der Gesellschaft eingeschlagen wird. Die Fragen liegen alle auf dem Tisch, die Antworten fehlen noch. Und zum konkreten Wir, wir vom „Standard“- haben mit der Ausgabe von „Auf & Ab“ auch einen Anfang gemacht, und für uns ist es ein Ansporn, an dem Thema dranzubleiben.

Michael Landau wurde 1960 in Wien geboren. Nach der Matura nahm er das Studium der Biochemie auf, das er 1988 mit dem Doktorat abschloss. 1986 begann Landau sein Zweitstudium Katholische Theologie, zunächst in Wien, später in Rom. Im Jahr 1988 trat er ins Wiener Priesterseminar ein. Am 10. Oktober 1992 wurde er zum Priester geweiht. Danach wirkte Landau neben dem Studium als Seelsorger in Wien und in Rom. Im Dezember 1995 wurde Landau als Nachfolger von Helmut Schüller Wiener Caritasdirektor.



Alexandra Föderl-Schmid wurde 1971 in Haslach (Oberösterreich) geboren. Ihr erster Artikel im „Standard“ erschien am 6. Juni 1990 in ihrer Funktion als Innenpolitik-Journalistin in Linz. Parallel studierte sie in Salzburg Publizistik, Politikwissenschaft, sowie Geschichte. 1993 wechselte sie für den „Standard“ als Korrespondentin nach Berlin, wo sie bis 2004 blieb. Am 1. Juni 2006 wechselte sie als Leiterin des Wirtschaftsressorts nach Wien. Seit 1. Juli 2007 ist sie Chefredakteurin der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“.


Das Interview ist im „YoungCaritas“-Magazin „Auf&Ab“ (09/09) in Kooperation mit dem „SchülerStandard“ erschienen. Cover_Auf.Ab_2010 - Caritas_Landau_2010 - Cover_Schmid01_2010 -
 
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