Erste Bank MehrWERT-Filmpreis 2020

© Viennale

Zum 10. Mal wird heuer, der von der Erste Bank initierte und gestiftete MehrWERT-Filmpreis vergeben.

Der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis wird unter den österreichischen Filmproduktionen,  die von der Viennale kuratiert sind, über eine unabhängige Jury vergeben. 

2020 wird, den aktuellen schwierigen Gegebenheiten geschuldet, der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis als Geldpreis, einschließlich einer Werkpräsentation im Anthology Film Archives in New York vergeben.
 

Auf Empfehlung der Jury werden zwei Preise vergeben: 
der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis dotiert mit 6.000,- € und
ein MehrWERT-Filmpreis dotiert mit 3.000,- €.

Jury
Silvia Bohrn, Kulturmanagerin
Boris Manner, Philosoph, Kurator
Andreas Ungerböck, Herausgeber
moderiert von Ruth Goubran, Erste Bank
 

*** Local Caption *** Donnerstag, 29.10.2020: Jurysitzung der Erste Bank MehrWERT Jury im Hotel InterContinental, 1010 Wien; auf diesem Bild (v.l.): Andreas Ungerböck, Ruth Goubran (Erste Bank), Silvia Bohrn, Boris Manner, Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi

© Viennale - Andreas Ungerböck, Ruth Goubran, Silvia Bohrn, Boris Manner und Eva Sangiorgi (Direktorin der Viennale)

Jurybegründung

Der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis 2020 geht an Georg Tiller und Maéva Ranaïvojaona  für Zaho Zay.

Zaho Zay ist eine präzise, komplexe und bewusste filmische Meditation über die conditio humana. Die Protagonistin, eine Wärterin in einem madegassischen Gefängnis, phantasiert die Rückkehr ihres eigenen Vaters, der sie als Kind verlassen hat. Zwischen den von ihr beaufsichtigten demütigenden Ritualen des täglichen Appels der Gefangenen, dem Rasieren der Köpfe der Verurteilten und dem Verteilen des Essens, erträumt sie einen mythischen Vater, der als Gesetzloser unerreichbar durch eine Biographie an Verbrechen wandert und dessen Taten weder durch Vernunft noch durch Emotion bestimmt werden. Einzig die Würfel lässt er über den Fortgang seines Handelns entscheiden. Diese Dialektik von Freiheit und Gefangenschaft, Zufall und Ordnung in der Erzählung des Films wird auch in dessen anderen Ebenen zum Angelpunkt von dessen Konstruktion. Scheint am Beginn die Stimme der Erzählerin, die in ihrem Vortrag den Text mehr und mehr in ein Gedicht transformiert, der Autorin des Drehbuchs zu gehören, verschiebt sich diese im Laufe der Zeit zur Protagonistin um dann im letzten Teil des Filmes mit dessen Bildern zu einem halluzinatorischen Poem zu werden. Auch der filmische Blick oszilliert zwischen dokumentarischen und inszenierten Positionen. Blitzt in den Sequenzen im Gefängnishof noch ein kolonialer Blick der Filmemacher auf, verschwindet dieser in den traumhaften Erscheinungen des Vaters. Diese Bewegungen zwischen den unterschiedlichen Repräsentationsformen entwickeln sich zu einem ununterscheidbaren Ganzen. Der langsame Rhythmus, der genaue Schnitt und das perfekte Ineinandergreifen von scheinbar inkohärenten Elementen transzendieren Zaho Zay zu etwas Unverwechselbarem, zu einem Film der jenseits der Gattungen Spielfilm oder Dokumentation angesiedelt ist.

© Viennale - Georg Tiller und Maéva Ranaïvojaona

Der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis 2020 geht an Pavel Cuzuioc  für  BITTE WARTEN – PLEASE HOLD THE LINE. 

Bitte warten ist ein leiser Film, der sich der Thematik der Kommunikationstechnologie humorvoll und klug widmet. Wir begleiten die Telekommunikations-Monteure bei ihren Besuchen in Haushalte: am Land, meist in kleinen Dörfern und reisen so in einige, an die EU grenzende östliche, Nachbarländer. Wir erhalten Einblick in persönliche Geschichten, in andere Lebensrealitäten. Als verbindend zeigt sich, dass Telekommunikation immer auch eine Kette von nicht enden wollenden Absurditäten ist, denen wir alle ausgeliefert sind. Ein wiederkehrendes Thema im Film ist die Kritik der Menschen am schlechten Programm, das man ihnen verkauft. Dieser Film gehört definitiv nicht dazu.

© Viennale - Pavel Cuzuioc