Lothar Knessl  

geboren am 15. April 1927 in Brünn (Brno)
Seit über einem halben Jahrhundert begleitet Prof. Lothar Knessl das Kulturleben dieses Landes publizistisch, hat das Geschehen aber auch auf vielfache Weise aktiv mitgestaltet – etwa mit seiner Arbeit für das Festival WIEN MODERN, mit nachhaltigen Weichenstellungen als Musikkurator des Bundes und nicht zuletzt als alleiniger Juror des Erste Bank-Kompositionsauftrags, der seit 1989 alljährlich vergeben wird und zu einer der bedeutendsten Auszeichnungen auf diesem Gebiet wurde.

Porträt Lothar Knessl

Es gibt kaum eine wichtige Aufführung mit Neuer Musik, bei der man ihm nicht begegnet: Prof. Lothar Knessl, aufmerksam lauschend, immer offen für Neues – und immer bereit für ein humorvolles Bonmot oder eine kritische Bemerkung, auch gegenüber den Komponisten und Musikern selbst. Bissig kann letztere zuweilen wohl sein, verletzend aber nie – Knessl sagt es auch auf charmante Weise, wenn ihm etwas weniger gut gefällt. Denn bei diesem „Motor der zeitgenössischen österreichischen Musik“ (Christoph Becher) steht immer die Liebe zur Sache im Vordergrund; und dies führt bei Knessl zu einer wertschätzenden Haltung gegenüber jenen, die sich um dieselbe Sache bemühen. Es gibt wohl kaum jemanden in diesem Land auf dem Gebiet zeitgenössischer Musik, der nicht auf die eine oder andere Weise einmal von seinem Rat profitiert hätte – oder der in den Genuss der einen oder anderen Seite seiner Tätigkeit gekommen wäre.  

Wo soll man dabei beginnen? Da wäre einmal die publizistische Facette seines Wirkens, zunächst als Kulturredakteur der Tageszeitung „Neues Österreich“, aber auch anderer Medien – eine Tätigkeit, die er bis zum heutigen Tag sporadisch weiterführt. Schon Knessls früheste Äußerungen sind von einer erstaunlichen Schärfe und Klarheit des Urteils und von einer sprachlichen Geschliffenheit, die beim Lesen auch noch mehr als 50 Jahre später Vergnügen bereitet. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er als Gestalter der Radio-Sendereihe „Studio Neuer Musik“ bekannt, die später in „Zeit-Ton“ umbenannt wurde – nicht abschätzbar, wie viele durch Knessls flammende Bekenntnisse zur darin gespielten Musik (und selbstverständlich auch durch seine inhaltliche Schwerpunktsetzung) selbst für diese Musik entflammt wurden. 

Ähnliches spielte sich auch bei seinen verschiedenen didaktischen Initiativen ab – sei es bei seinen Lehraufträgen am Institut für Theaterwissenschaft an der Universität Wien oder, bezeichnenderweise erst später, am Institut für Musikwissenschaft, wo er Generationen von Studierenden mit (neuem) Musiktheater und Neuer Musik vertraut machte.

Auf dem eigentlichen Schauplatz der Neuen Musik tauchte Knessl, der selbst Komposition studiert hatte und seit den 1950er-Jahren in Insiderkreisen verkehrte, dann seit den 1980er-Jahren verstärkt auf: als Beirat und Redakteur von WIEN MODERN, als Präsident der österreichischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik usw. Weitere bedeutende Weichenstellungen unter seiner Federführung erfolgten in den 1990er-Jahren, als er von Minister Rudolf Scholten (gemeinsam mit Christian Scheib) zum Musikkurator des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst bestellt wurde: In diesen Jahren setzte er eine substanzielle Förderung des Klangforum Wien ebenso durch wie die Gründung des mica – music information center austria, dem er in mehreren Funktionen zur Verfügung stand.

Trotz all dieser offiziellen Funktionen und all ihrer nachhaltigen Wirkungen war Knessl dabei immer alles andere als ein Funktionär, sondern ist stets seiner ursprünglichen Leidenschaft verpflichtet geblieben – ein Umstand, der in jeder Begegnung mit ihm deutlich verspürt werden kann. Vehement und kritisch meldet er sich zu Wort, wenn es ihm notwendig erscheint, und im Zweifelsfall gilt sein Interesse jeder einzelnen Note, jedem einzelnen Klang.  

Lothar Knessl und der Erste Bank-Kompositionspreis

Es war Claudio Abbado, von dem während seiner Zeit als Musikdirektor der Wiener Staatsoper mehrere folgenreiche Impulse ausgingen. Der Weltklassedirigent setzte nicht nur die entscheidende Initiative zur Gründung des Festivals WIEN MODERN, sondern hatte auch die Idee, in diesem Rahmen alljährlich einen Kompositionsauftrag zu vergeben. 1988 ging dieser noch an den Deutschen Wolfgang Rihm, ab dem folgenden Jahr dann an Komponistinnen und Komponisten in und aus Österreich. Lothar Knessl, nicht nur unangefochtener Experte auf dem Gebiet der Neuen Musik, sondern damals hauptberuflich Pressereferent und Redakteur an der Staatsoper, wurde in der Folge alleiniger Juror des Erste Bank-Kompositionspreises.

Wenn man sich die Namensliste der Ausgezeichneten und den Zeitpunkt ihrer Nominierung vergegenwärtigt, fallen zwei Aspekte ins Auge: Zum einen sind im Großen und Ganzen tatsächlich die derzeit bedeutendsten Komponisten österreichischen Musikschaffens vertreten, zum anderen haben sie den Kompositionsauftrag meist zu einem bemerkenswert frühen Zeitpunkt erhalten. Knessl als Juror vereint in sich Weitblick und (kalkulierte) Risikobereitschaft, wenn er die Auszeichnung als „Starthilfe“ einsetzt, und bürgt für scharfe Urteilsfähigkeit, wenn sie zugleich der Anerkennung für das bisherige Schaffen gilt.

Dass der Erste Bank-Kompositionspreis seit 2006 in einem erweiterten Modus vergeben wird, geht ebenfalls auf Knessl zurück: Nun wird das entstandene Werk nicht nur bei der Uraufführung – in der Regel bei WIEN MODERN –, sondern insgesamt mindestens drei Mal durch das Klangforum Wien gespielt; außerdem wird eine CD mit dem Auftragswerk beim Label Kairos produziert.