Kompositions-Preisträger 2014: Reinhard Fuchs

„Aufwühlend, eigenständig“; „schillernde Klangschleifen“; „gehetztes kleinteiliges Material, das sich zu Feldern großer Informationsdichte ballt“; „Wellen von ereignisreicher, vielschichtiger Themenarbeit mit klanglich fulminanten Höhepunkten“: So klingen einige der Rezensionen zur Musik von Reinhard Fuchs, der heuer den Erste Bank-Kompositionspreis erhält. Der ehemalige Kompositionsschüler von Michael Jarrell, der in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feierte, verfügt über eine verschwenderische Fantasie – und lässt in seiner Musik gerne eine Vielzahl von Ereignissen zusammenkommen, aufeinandertreffen, kulminieren. Dass Fuchs über eine der interessantesten Handschriften seiner Generation verfügt, ist ein wenig in den Schatten getreten, seit er 2008 die Geschäftsführung und künstlerische Leitung des Neue-Musik-Ensembles PHACE (vormals ensemble on_line vienna) übernommen hat.

Der Kompositionsauftrag der Erste Bank für ein neues Stück, das bei WIEN MODERN 2014 uraufgeführt wird, bringt dem Künstler Fuchs wieder mehr Aufmerksamkeit entgegen, für den, wie er betont, beide Bereiche immer gleich wichtig waren. Dafür spricht auch sein Engagement bei der Komponistengruppe GEGENKLANG, die er einst mit Studienkollegen gründete, um alternative Konzertmodelle, aber auch kollektive Kompositionsweisen zu erproben. Schon damals hat Fuchs vielschichtig gedacht, und das tut er auch in seinen beiden aktuellen Tätigkeitsfeldern: Das Denken in dramaturgischen Zusammenhängen, so erzählt er, hat Einfluss auf sein Komponieren – und auch umgekehrt gibt es Wechselwirkungen: „Es ist ja so, dass auch unsere Konzertprogramme sozusagen ,komponiert‘ werden. Und das ausgiebige Partiturstudium ist auf jeden Fall eine Bereicherung und Inspiration – und wenn es manchmal auch nur dazu dient, eine Bestätigung zu finden, dass der eingeschlagene kompositorische Weg für mich persönlich seine Richtigkeit besitzt.“

Trotz all ihrer Dichte fällt bei den Stücken von Reinhard Fuchs vor allem ein Umstand ins Auge, der der vorherrschenden Informationsvielfalt scheinbar widerspricht: Seine Partituren sind sinnfällig durchgebildet, die mäandernden Elemente entwickeln sich häufig aus kleinen Zellen, die schlüssig, jedoch frei weiterwachsen. Ist er früher häufig einem übergeordneten Konzept gefolgt, so vertraut er heute mehr und mehr seiner Intuition: „Noch vor ein paar Jahren hatte ich immer das Gefühl, dass sich meine Musik konzeptuell rechtfertigen muss. Inzwischen fühle ich mich freier.“

„MANIA“, das auf den Film „Blue Velvet“ von David Lynch Bezug nimmt und sich derzeit (Sommer 2014) noch in Arbeit befindet, ist voller virtuoser Gesten, rasender Läufe, abrupter Kontraste. So wie hier hat sich Fuchs immer wieder auf Bilder, Filme oder auch Texte bezogen, doch stets innermusikalische Prozesse gefunden, die keineswegs einer außermusikalischen Erklärung bedürfen. Schier grenzenlos in ihrer Kombinationsfreude, in ihren neuartigen Klänge, die durchaus auch experimentellen Charakter haben können, doch stets stringent gestaltet und voller überraschender Wendungen – Fuchs schreibt Musik, die zu weitläufigen Assoziationen verführen, aber immer auch für sich stehen kann.

Text: Daniel Ender

Biografie

Reinhard Fuchs, geboren 1974, studierte zunächst Akkordeon am Brucknerkonservatorium Linz (1991-1995) und absolvierte anschließend seine kompositorische Ausbildung bei Michael Jarrell (1996-2002). 1997/98 verbrachte er ein Studienjahr an der University of Miami in Florida.

Weitere wertvolle Impulse für sein Schaffen erhielt Fuchs bei Studien mit Brian Ferneyhough, Marco Stroppa, Magnus Lindberg, Klaus Huber, u. a. 1997 gründete er mit Kollegen die Komponistengruppe GEGENKLANG.  

Reinhard Fuchs erhielt Kompositionsaufträge renommierter Ensembles und Veranstalter, darunter Salzburger Festspiele, Bayerische Staatsoper, Wittener Tage für neue Kammermusik, WIEN MODERN, Musiktage Donaueschingen, ORF musikprotokoll, RSO, Konzerthaus Berlin, Klangforum Wien, Konzerthaus Wien, Contemporary Music Festival Alicante, Soundings London, Warehouse London, Festival Latinoamericano de Música (Caracas / Venezuela), New Music Festival Sound Ways (St. Petersburg / Russland), Venezuela Festival Internacional „a tempo“ (Caracas / Venezuela), etc.

Zudem kann er auch auf zahlreiche internationale Preise und Auszeichnungen verweisen. So erhielt er zum Beispiel den 1. Preis beim 7. Mozartkompositionswettbewerb Salzburg, den 2. Preis bei „stasis et vita“ / Deutschland, den Sonderpreis der Fondation Royaumont / Frankreich, 2001, den Theodor-Körner Preis der Stadt Wien 2001, 2002 den Anton-Bruckner-Preis, 2003 das österreichische Staatsstipendium für Komposition. Aufführungen u. a. mit Klangforum Wien, Ensemble intercontemporain, RSO, Mozarteum Orchester Salzburg, Basel Sinfonietta, Arditti Quartett, Accroche Note, ensemble on_line, Studio Percussion graz, TENM, Trio Amos, Les Percussions de Strasbourg, Wiener Klaviertrio, Ensemble Wiener Collage, etc.Seit 2008 ist er Geschäftsführer und künstlerischer Leiter von PHACE (www.phace.at).

Zum Werk

„MANIA“

„Ich beziehe mich auf diverse Aspekte des Films ,Blue Velvet‘ von David Lynch. Es interessieren mich dabei stilistische Elemente, die in ,Blue Velvet‘ und im Schaffen von David Lynch immer wiederkehren und sich verändern, etwa Farbensymbolik oder andere Symbole. Es gibt zum Beispiel wiederkehrende Sequenzen von Stiegenaufgängen und -abgängen, die immer wieder eine andere Bedeutung erhalten und somit anders wahrgenommen werden. Das Mittel der Variation und Veränderung, eine Idee zu variieren und sie in ein anderes Licht zu tauchen, ist ein wesentliches Element in diesem Werk. Ähnlich wie in Hermann Brochs Novellenroman „Die Schuldlosen“ (Inspiration für ein Klaviersolostück 1997) legt Lynch Fährten beziehungsweise zeigt Situationen, die Erwartungen schüren, die aber nicht erfüllt werden. Das Stück wird sehr blockartig sein, das mit Elementen und Ereignissen vorwärts treibt, das Texturen enthält, die wiederkehren, sich verändern. Texturen, die zum Teil mit starken kontrastierenden Brüchen versetzt werden. Als Hauptantrieb für dieses Stück ,MANIA‘ dient aber die Hauptfigur des Psychopathen Frank Booth, vom genialen Dennis Hopper gespielt, der im wahrsten Sinne die Verkörperung des Wahnsinns und der Raserei darstellt.“